FONO FORUM, 06/16

Valery Kikta (geb. 1941), Andrey Rubtsov (geb. 1982) und Andrey Eshpai (1925-2015), Absolventen des Moskauer Konservatoriums, wandeln hier in die schönsten Tradition von Bartók über Chatschaturjan bis Prokofiew. Ihre Stücke sind gespickt mit folkloristischen bis jazzigen Elementen und stets einer soliden Tonalität verpflichtet.

Die in Deutschland lebende Oboistin Maria Sournatcheva meistert die anspruchsvollen Soloparts brillant, das Göttinger Orchester überzeugt mit üppigen Klangfarben.

Holger Arnold

Göttinger Tagesblatt, 04/16

 

Ein Leben lang darauf gewartet

 

Vier Oboenkonzerte von drei russischen Komponisten hat Maria Sournatcheva mit dem Göttinger Symphonie-Orchester (GSO) eingespielt. Am Montag präsentierte die gebürtige Russin, die in Deutschland aufgewachsen ist, ihre CD in der Alten Mensa am Wilhelmsplatz.

Göttingen

. „Ich habe mein ganzes Leben auf Ihren Anruf gewartet“, erklärte der Komponist und Pianist Andrey Eshpai galant, als ihn Sournatcheva anrief. Die Musikerin hatte den „hochangesehenen Mann“ kontaktiert, um mit ihm über ihr Projekt zu sprechen. Eshpais Concerto für Oboe und Orchester vereint Avantgarde- und Jazz-Anklänge.

Technik auf höchstem Niveau

Auch zu dem Komponisten Valery Kikta nahm Sournatcheva Kontakt auf. Er war bei der Einspielung seiner beiden Konzerte in Göttingen dabei. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie so langsam spielen können“, lobte der gebürtige Ukrainer hinterher die Oboistin. Ihre Technik, auch beim Luftholen weiterhin zu blasen und dabei langgezogene Töne sauber zu halten, erläuterte sie in Göttingen. Sournatcheva spiele „auf höchstem Niveau“, lobte GSO-Chefdirigent Christoph-Mathias Mueller beeindruckt.

Den dritten Komponisten, den sechs Jahre älteren Andrej Rubtsov, kennt die Solistin aus ihrer Studienzeit. Sie hatten den gleichen Professor. Rubtsovs Konzert aus dem Jahr 2003 ist voller jugendlicher Frische. Der Komponist, der selbst Oboe spielt, schöpft die Möglichkeiten des Instruments voll aus und spielt auch mit schrägen Lauten.

 

Tief hineinhören

Erschienen ist die Aufnahme beim Detmolder Label Dabringhaus und Grimm. Tonmeister Friedrich Wilhelm Rödding, laut Mueller der „zweite Dirigent“, sprach in Göttingen über die Aufnahmetechnik, die es ermöglicht, tief ins Orchester hineinzuhören.

Michael Caspar

Das Orchester, 10/2016

Der Oboenton ist bestechend schön, dabei warm, voll und modulationsfähig. Technik und Musikalität stimmen ebenfalls – ein runde Sache. Und da die Auswahl der Werke interessant und überaus wohlklingend ist, hört man diese CD mit entspannter Wonne zu Ende. Erstklassig begleitet wird die junge Oboistin Maria Sournatcheva vom Göttinger Symphonie Orchester. Nach langer, solistischer Kantilene legt Sournatcheva in Valery Kiktas einsätzigem Konzert für Oboe und Orchester Nr. 1 (From Belgorod) virtuos los. Diese bunte, ausdrucksstarke Musik liegt der jungen Oboistin hörbar sehr. Das im Wohlklang badende, aber sehr saubere Orchester bietet den Oboentönen eine herrliche Basis. Die Musik tändelt melodisch um wenige Motive herum, wirkt aber ungemein stark durch die beständige Steigerung der Intensität. Eine akustische Vorspeise, die Lust auf das Folgende macht. Nach diesem opulenten Beginn geht es mit Andrey Rubtsovs Oboenkonzert weiter. Schalkhaft eröffnet das auf den Punkt gebrachte flotte Rondo: Die Oboe brilliert in den pfiffigen Läufen und singt in den ruhige Passagen. Ebenso wie Kiktas Concerto ist dies Musik des 20. Jahrhunderts, doch ist sie eher traditionell komponiert, wirkt aber frisch und lebt durch den Reichtum der Einfälle. Das verträumte Larghetto folgt wie aus weiter Ferne, ein Geschenk für alle Oboisten und hier sowohl vom Orchester als von der Solistin makellos und angenehm drängend eingespielt, geadelt von feinen hohen Tönen der Oboe gegen Ende. Sehr virtuos tanzt anschließend die Burlesque mit leicht wirkenden Staccati vorbei. Wieder folgt ein Werk Kiktas, diesmal das dritte Konzert für Oboe und Orchester. Wahrlich „idyllisch“, wie es der Komponist fordert, sind die ruhigen Teile des Satzes angelegt, mühelos in die Oboe gesungen, perfekt intoniert und unterhaltsam. Ein bisschen sentimental wirkt der folgende langsame Satz, arbeitet mit Sequenzen und zieht alle Register des Ausdrucks. Sournatcheva liegt diese farbige Musik eben. Da sie sich aber immer ein wenig zurückhält, wird es nie kitschig. Das Pianissimo hat hier fast elysische Wolkenhaftigkeit. Im dritten Satz darf die Oboe tanzen, springen und artikulieren, dass es eine Wonne ist. Das ist fröhliche Musik, unterhaltsam und gut geeignet für einen Sommerabend, dabei solide und expressiv komponiert und sehr gut eingespielt. Wer jetzt noch nicht genug schöner Töne in perfekter Ausführung gehört haben mag, wird im letzten Werk der CD, Andrey Eshpais Oboenkonzert, voll auf seine Kosten kommen. Wieder einmal gibt es farbige Musik voller schöner Phrasen, technisch interessante Partien und viel, viel Oboengesang auf hohem Niveau zu hören, wieder einmal erstklassig vom Göttinger Symphonie Orchester unter Christoph-Mathias Mueller begleitet. Die Chemie zwischen Solistin und Orchester stimmt, jeder Takt ist genussvoll gespielt und wieder wird die Dynamik voll ausgeschöpft. Ein paar Modulationen setzen ein Sahnehäubchen darauf. So macht virtuose Oboenmusik viel Freude.

Heike Eickhof

Zürichsee-Zeitung, 12/2016

Bravourös, besinnlich, burlesk

Oboenkonzerte zeitgenössischer russischer Komponisten präsentiert Maria Sournatcheva auf ihrem ersten Album: Es verbindet die «russische Seele» mit virtuoser Spielkultur.

Nicht alle im Orchester können an der Rampe spielen, manche aber lassen aus dem Hintergrund umso mehr aufhorchen, wenn die Partitur sie auffordert, musikalisch hervorzutreten. Zu ihnen gehört Maria Sournatcheva, die Solo-Oboistin des Musikkollegiums Winterthur. Das Publikum kennt sie, denn immer wieder vertrauen Komponisten in ihren Orchesterwerken der Oboe die intimsten, überschwänglichsten oder traumhaftesten Momente an, und bei Maria Sournatcheva sind diese auch immer wieder besonders glücklich aufgehoben.

Musikerin der Extraklasse

Auch der CD-Produzent, der mit dem Musikkollegium häufig zusammenarbeitet, hat im Orchester die Musikerin der Extraklasse entdeckt. Heraus kam die CD «Russian Oboe Concerts». Biografisch begründet ist nicht nur das Programm mit Werken von Andrey Eshpai (1925–2015), Andrey Rubtsov (*1982) und Valery Kitka (*1941), sondern auch Sournatchevas musikalische Partnerschaft. Sie kennt das Göttinger Symphonie-Orchester und seinen Chefdirigenten Christoph-Mathias Mueller von ihrer Zeit in Hannover her. Aufgewachsen und in die Musik hineingewachsen ist Maria Sournatcheva in Moskau. Schon als 13-Jährige jedoch führte sie ihr hervorragendes Talent aus ihrer Heimatstadt weg. Nach einer Konzertreise durch Europa und die USA erhielt sie die Ein­ladung, ihre Ausbildung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover fortzusetzen. Sie lernte Deutsch, machte das Abitur und war wohlaufgehoben in einer Gastfamilie. 2008, 20-jährig, erhielt sie die Stelle der Solo-Oboistin im Staatsorchester Niedersachsen. Solo-Oboistin des Musikkollegiums ist sie seit der Saison 2012/13.

Zuhause in zwei Welten Kein Wunder, dass sich Maria Sournatcheva heute in beiden Welten, in Russland und Deutschland, gleichermassen zu Hause fühlt. Sie sieht es auch als ihre Aufgabe, beide Kulturen zu verbinden, und so ist sie weltläufig in allen musikalischen Weltepochen unterwegs, aber auch verwurzelt in dem, was in der Musik als «russische Seele» bezeichnet wird.

Um das Klischee geht es dabei nicht, um «Beseeltheit» aber sehr wohl. Ein besonderer Glücksfall für die ambitionierte Musikerin ist Valery Kitka: Der Ukrainer gehört vor allem im Bereich der Chormusik zu den bekanntesten, im musikalischen Horizont betrachtet, «russischen» Komponisten der Gegenwart. Auch zur Oboe, deren Schalmeienklang ja einen direkten Bezug zu den volks- und orthodox-kirchen­musikalischen Wurzeln seines Schaffens besitzt, hat er eine besondere Affinität.

Folkloristische Moderne Kitkas Konzert für Oboe und Streicher Nr. 3 aus dem Jahr 2000 etwa enthält, was Sournatcheva in der Musik immer sucht und weitergeben will, Beseeltheit, Emotion und bildhaftes Erleben, wie sie im Gespräch darlegt: Ein «pastorales Idyll» ist der erste Satz, das «Lied einer glückseligen Nacht» der zweite, und von einem Maskenball handelt der brillante dritte. Noch direkter mit dem Titel «From Belgorod» verweist Kitkas erstes Oboenkonzert auf den folkloristischen Hintergrund von Hirtenmelodie und Tanz. Dabei kann die Solistin ihr breites Spektrum von den wie improvisiert schwebenden Kantilenen bis zur virtuosen Selbstbehauptung in einer Gewitterszenerie souverän ausspielen. Die russische Tradition, etwa Strawinskys «Sacre du printemps», ist bei Kitka präsent; der jüngere Andrey Rubtsov, selber ein renommierter Oboist, lässt in neoklassizistischer Haltung die spielerischen Möglichkeiten der Solistin erst recht zum Zug kommen: Ob riesige Intervallsprünge, akrobatische Läufe und burleske Wendungen mit schnarrenden Klängen: All das bringt Maria Sournatcheva bewundernswert Bravourös und gelöst über die Runden Bei Andrei Eshpais 1982 komponiertem Oboenkonzert bekommt es die Solistin mit einem sehr expressiven, mit Klavier und Cembalo angereicherten Orchester zu tun, und es gelingt ihr, im «surrealen», auch tragisch auf­gewühlten Orchestergeschehen intensiv und innig die Stimme des Individuums zu behaupten. Schön, wie sich hier Eloquenz und effektvolle Präzision des Göttinger Symphonie-Orchesters und die melodische Ausdruckskraft der Solistin die ­Waage halten bis zum berührend ausklingenden Schluss. Herbert Büttiker Russian Oboe Concerts: Maria Sournatcheva (Oboe), Göttinger Symphonie-Orchester, Leitung: Christoph-Mathias Mueller. 

Herbert Büttiker

KLASSIK HEUTE, 04/16

Empfehlung

Mit ihrem langen Atem auf der Oboe erregt Maria Sournatcheva Bewunderung. Kaum sonst jemand scheint langsame Tempi und endlos durchgehaltene Töne müheloser auskosten zu können. Verantwortlich dafür ist eine Zirkularatmungstechnik, mit der während des Anblasens
schon wieder Luft geholt werden kann. Für den Außenstehenden mutet dies akrobatisch an, für gestande Profi-Musikerinnen und -musiker gehört diese zeitgemäße Spieltechnik heute zum Knowhow. Zu den Profis gehört die 1988 in Moskau geborene Künstlerin allemal: Vor allem ihr bravouröses Abschneiden beim ARD-Wettbewerb markierte im Jahr 2007 einen großen Erfolg. Seitdem ist ihre strahlkräftige Stimme auf dem Instrument als solistische Bereicherung bei vielen Orchestern gefragt, nicht zuletzt beim Göttinger Symphonie Orchester, mit dem Maria Sournatcheva jetzt einen überragenden Einstieg auf CD gibt: Vier Solokonzerte, allesamt aus russischer Feder, wurden hierfür – sozusagen als Hommage an ihre Heimat – eingespielt. Gemeinsam haben die drei, hier vereinten russischen Komponisten aus dem 20. Jahrhundert, dass sie mit strenger Neutönerei nichts im Sinn haben, dafür in ihren Kompositionen umso mehr glühendes Lokalkolorit und emotionale Reichhaltigkeit aufleben lassen.
Genau dies ist die Voraussetzung, um Maria Sournatchva zu nicht enden wollender Spiellust auf der Oboe zu beflügeln. Ihr Ton ist strahlkräftig und hat nicht nur den eingangs beschworenen langen Atem, sondern eine ebenso bestechende Präzision. Plausibel und nachfühlbar ist die Klangrede, die sich aus ihrem Spiel ergibt. Mystisch beginnt Valery Kiktas Concerto from Belorod mit einem dunkel vibrierenden Paukenwirbel, woraufhin Maria Sournatchva sehr rezitativisch, fast wie in einer Improvisation, ihre Stimme auf dem Instrument erhebt. Man könnte fast sagen, dass der Höhepunkt dieser neuen CD schon ganz zu Anfang placiert wird. Leuchtende Frühlingsimpressionen, in sich ruhende Momente von pastoraler Friedlichkeit, aber auch musikantische Tarantella-Rhythmen machen immer wieder deutlich, dass diese Musik an der Volksmusik dieses Landes orientiert ist – und ursprünglich für traditionelle Instrumente geschrieben war. Der viel jüngere Andrey Rubtsov orientiert sich ebenfalls an diesen Gefilden, die auch gerne mal im süßlichen Idyll verweilen – allerdings fokussiert sein Konzert für Oboe und Streichorchester noch mehr die virtuosen Möglichkeiten des Soloinstruments. Kein Wunder, ist doch Rubtov selbst ein gefeierter Oboist!
Eine rezitativische Einleitung auf der Oboe von Maria Sournatveva eröffnet ein aufwühlendes, stürmisch nach vorne gehendes Orchestertutti in Andrey Eshpais Oboenkonzert aus dem Jahr 1984. Dieses Stück markiert einen kontrastierenden Gegenpol durch seine neoklassizistische Raffinesse und treibende, impulsive Ungestümheit. Zudem kommt hier ein filigran aufblitzendes Cembalo zum Einsatz.
Aus all dem ergibt sich ein kurzweiliges, farbenreiches Hörvergnügen, in dem die Bravourparts der solistischen Oboe einen roten Faden bilden. Noch ein anderer gewichtiger Aspekt ist für die hervorragende Gesamtwirkung dieser Produktion verantwortlich: Mit der klanglichen Realisierung hat sich das –ohnehin audiophil richtungsweisende Label Dabringhaus und Grimm – noch einmal selbst überboten! Aufgenommen wird bei dem Detmolder Label so „live“ wie möglich in einem sorgsam dafür ausgesuchten Raum. Nichts wird danach irgendwelchen digitalen Algorithmen überantwortet. Die Folge: Das Klangbild ist voller Wärme und luftiger Brillanz – und wartet mit extrem plastischer, räumlicher Tiefenstaffelung auf.
Stefan Pieper
Stefan Pieper [24.04.2016]
Komponisten und Werke der Einspielung